Tierwelt - Nr. 43 - 22. Oktober 2004

Felsenpinguine unter Schutz

Mit seinem 50 cm langen, kompakten und gedrungenen Körperbau gehört der Felsenpinguin zu den Kleinen seiner Gattung, nämlich zu den so genannten Schopfpinguinen mit dem Gattungsnamen Eudyptes. Das Augenfälligste beim Felsenpinguin sind die langen, leuchtend gelb gefärbten Schopffedern über den karminroten Augen.
Das Verbreitungsgebiet des Felsenpinguins liegt zirkumpolar (in der Nähe eines Pols) in der Subantarktis und auf Inseln des südlichen Indischen und Atlantischen Ozeans. Zwei Drittel der Weltpopulation lebt auf dem Falkland-Archipel.
Seit 1930 hat der ursprüngliche Bestand von schätzungsweise drei Millionen Brutpaaren aus noch nicht ganz geklärten Gründen kontinuierlich abgenommen; letztes Jahr lag er noch bei rund 250 000. Heute steht diese Pinguinart unter Schutz (Schutzstatus: bedroht).

Lebenszyklus des Felsenpinguins

Brüten die Felsenpinguine, besiedeln sie felsige, westwindexponierte, schwer zugängliche Steilküsten (Saunders Island, Falkland-Archipel). Die senkrecht abfallenden Felsklippen entstehen durch das stürmische Wetter und die dadurch verursachte hohe Brandung, die eine Erosion des Gesteins bewirkt.
Jeweils Anfang November werden zwei bläulich weisse Eier abgelegt, wobei das eine nur halb so gross ist wie das andere. Die Eltern bebrüten die Eier abwechslungsweise während rund 34 Tagen. Während der Brutperiode fällt das kleinere Ei oft hungrigen Eierdieben zum Opfer. Direkt nach dem Schlüpfen wird das Kücken meistens vom etwas grösseren Männchen bewacht, währenddem das Weibchen auf Nahrungssuche geht. Täglich müssen die Adultvögel auf einem felsigen Steilpfad zum Meer hinabsteigen und sich mit ihren Artgenossen auf die Suche nach Nahrung - vorzugsweise Fische, Tintenfische und Krill - begeben. Die adulten Pinguine entfernen sich während der Nahrungssuche bis zu 40 km von der Küste und erreichen Tauchtiefen von bis zu 100 m. Während ihrer Abwesenheit formieren sich die Kücken zu Gruppen von über 20 Jungtieren. In diesen «Kindergärten», die von Erwachsenen bewacht werden, finden die Kücken Schutz und Geborgenheit.
Rund zehnWochen später, also Mitte Februar, sind die Nestlinge flügge. Sie sind gut an den noch fehlenden gelben Schopffedern über den Augen zu erkennen. Die adulten Vögel verlassen zu dieser Zeit ebenfalls die Brutkolonie; sie wollen sich im Meer wieder richtig satt fressen. Anschliessend kehren sie für vier bis fünf Wochen zur Brutkolonie zurück, um zu mausern. Während dieser Zeit halten sich die Pinguine ausschliesslich an Land auf und hungern.
Nach der Mauser beginnt die ozeanische Phase; sie dauert von April bis Oktober. Bis zur nächsten Brutsaison gehen sie nicht mehr an Land. Wie Beringungsversuche gezeigt haben, wandern die Felsenpinguine im Südwinter entlang der argentinischen Küste bis zur Mündung des Rio de la Plata. Die Aufenthaltsorte im Winter- und Sommerhalbjahr liegen also etwa 2200 km auseinander. Die Felsenpinguine verfügen über einen erstaunlichen Orientierungssinn: Sie finden im Frühjahr nicht nur die Falkland-Inseln wieder, sondern unter 400 Inselchen auch jenes mit der ihnen vertrauten Brutkolonie.
Die Lebenserwartung dieser Pinguinart beträgt bis zu 20 Jahre.

Nicht ganz einfach: der Landgang

Ein Blick auf das stürmische azurblaue Meer lässt kleine Gruppen von alternierend springenden Felsenpinguinen erkennen. Das Manövrieren und Navigieren in dieser sturmgepeitschten See fällt den Felsenpinguinen nicht schwer. Der Landgang hingegen ist ein weitaus schwierigeres Unterfangen. Auf offener See müssen die Felsenpinguine die grossen Brecher abwarten. Als Landeplätze dienen Felsen mit Algenbewuchs, an denen sie sich festkrallen. Falls die Geschwindigkeit, die sie im Wasser erreicht haben, ausreicht, schnellen sie direkt aus dem Wasser und landen bäuchlings auf dem nackten Felsen. Es kann vorkommen, dass die ganze Schar gleich wieder von einer mächtigen Welle erfasst, weggespült und beim nächsten Wellengang gegen die Felsen gedonnert wird. Wieder heisst es abwarten und im richtigen Moment eiligst ans Land springen. Bei ruhigerem Wellengang sind die Pinguine in der Lage, durch schnelles Auf- und Abschlagen der Flügel (Flippers) auf das Land zuzuschwimmen.
Mit einer springend-hüpfenden Gangart, bei welcher der Felsenpinguin beide Füsse gleichzeitig zum Sprung ansetzt, versucht er, sich den drohenden Wellen zu entziehen. Im Englischen wird er deshalb auch «Rockhopper» genannt. Der Felsenpinguin ist zudem die einzige Art, die mit den Füssen zuerst ins Wasser springt.

Abspecken vor dem Klippensteigen

Sobald der Landgang erfolgreich gemeistert ist, gilt es die steilen Felsklippen zu erklimmen. Gemäss GPS-Messungen sind dabei 60 Höhenmeter und mehr zu überwinden. Wer sich überfressen hat, der wird bereits am ersten Felseinstieg, einem für einen Pinguin doppelt so hohen Felsvorsprung, scheitern. Das Hüpfen reicht nicht aus, um das erste Hindernis zu bewältigen. Die mit Tintenfisch und Krill voll gefressenen Tiere müssen vorerst wieder Kräfte sammeln und etwas abspecken. Nach einer ausgiebigen Rast von mehreren Stunden hüpft ein Pinguin hinter dem andern die Felstreppen hoch. Scharfe Krallen geben den Pinguinen den notwendigen Halt.
Schon seit Jahrhunderten werden dieselben Felstreppen benutzt. Kratzspuren, die sich tief in den Felsen hineingefressen haben, zeugen von diesen alten Fährten. Um die Balance nicht zu verlieren, stützen sie sich mit dem Schnabel und manchmal auch mit den Flügeln ab. Immer wieder rasten die Pinguine, um Kräfte für den nächsten Hupf zu gewinnen. Treffen sie auf einen Wasserfall, machen sie regen Gebrauch von ihm. Ausgiebig beschäftigen sie sich dort mit der Reinigung und Pflege des Federkleides. Die duschenden Felsenpinguine werden aber dabei immer wieder von Nachbarn mit Flügelschlägen und Schnabelhieben weggejagt.

Räuberische Vögel gefährden die Jungen

Je höher die Pinguinschar hinaufsteigt, desto deutlicher ist dasWimmern der Jungschar zu vernehmen. Während der Abwesenheit der Eltern finden sich die etwas älteren Kücken zu Gruppen zusammen. Häufig werden sie Opfer von natürlichen Feinden. Wenn einer der seltensten Raubvögel der Erde, der Falkland-Caracara, oder eine Raubmöwe im Tiefflug über die Kolonie saust, rücken die Kücken mit erhobenem Blick noch näher zusammen.
Die Caracaras oder «Johnny Rooks», wie die Falkland-Caracaras von den Einheimischen auf den Falkland-Inseln genannt werden, arbeiten meist im Team. Der eine schüchtert die Kinderschar ein, der andere versucht, ein einzelnes Jungtier zu bedrängen. Zuerst werden die Augen herausgepickt, danach wird das Junge von den Johnny Rooks zerrissen. Die Beute wird anschliessend einträchtig geteilt. Auch die Raubmöwen arbeiten im Team. Die eine lenkt den brütenden Felsenpinguin ab, damit die andere ein Ei stehlen kann.

Nur kräftige Jungtiere werden gefüttert

Nach dem Erklimmen der Felspartie werden die Elterntiere bereits von den hungrigen Kücken erwartet. Das gegenseitige Erkennen erfolgt auf akustischer Basis, indem die bettelnde Jungschar lauthals Töne von sich gibt und diese von den Adulten erwidert werden.
Der Nahrungsbrei wird nicht sofort ausgewürgt. Das Jungtier muss dem adulten Pinguin fast bis zur Erschöpfung hinterherlaufen und um Nahrung betteln. Dabei testen die Eltern gleich die Fitness der Jungen. Nur das kräftigste, ausdauerndste Kücken wird gefüttert. Kücken, die nicht bei ihren Eltern betteln, werden mit Schnabelhieben und gezielten Bissen in die Flügel zurechtgewiesen. Das Auswürgen des Nahrungsbreis in Portionen lockt auch die grauen Blutschnabelmöwen und die nur äusserlich den Tauben ähnlich sehenden Scheidenschnäbel an. Letztere brüten ausschliesslich in der Antarktis und sind während der Aufzuchtzeit auf den Falkland-Inseln mit der Vertilgung von Eiern, Aas und Fäkalien beschäftigt. Während des Fütterungsvorgangs versuchen sowohl die Blutschnabelmöwen als auch die Scheidenschnäbel durch Störmanöver den Nahrungsbrei für sich zu ergattern. Kurz vor und nach Einbruch der Dämmerung herrscht Hochbetrieb.

Flügge gewordene Jungtiere brauchen Mut

Nachdem sie das flauschige grau-braune Daunenkleid gegen ein kompaktes Federkleid ausgetauscht haben, versuchen die flügge gewordenen, noch etwas tollpatschigen Jungtiere in kleinen Gruppen die Felstreppen hinabzusteigen. Manchmal zögert ein Jungtier, eine kleine Felstreppe zu überwinden. Bei einem hohen Felsvorsprung hingegen wagt es unverdrossen einen Sprung in die Tiefe. Nach einem solchen Experiment schütteln die Jungtiere jeweils benommen den Kopf und watscheln unbekümmert weiter. Wenn die Geräusche des Meeres näher kommen und erste Gischtspritzer das glänzende Federkleid der Jungtiere berühren, ist ihre Aufregung nicht mehr zu stoppen. Äusserst lebhaft schlagen sie mit den Flügeln um sich. Es herrscht Hochstimmung. Wenn eine Riesenwelle eine kleine Felsmulde mit Wasser füllt, wagen sich die Mutigsten vor, schlagen wild mit ihren Flügeln um sich und vollführen bäuchlings Trockenübungen. So vergehen Stunden. Die Jungen getrauen sich immer näher an das stürmische Meer heran. Wenn sie den richtigen Moment für gekommen halten, geht alles blitzschnell: Die ganze Schar hüpft Richtung Meer und wird von der ersten Welle weggespült. Nach wenigen Tagen ist die gesamte Pinguinkolonie verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Ein kläglicher Anblick! Zurück bleiben ausgetrampelte Pfade, weisse von Pinguinexkrementen (Guano) verkleckerte Steine, Skelette und verendete Jungtiere. Nur noch zwei Geräusche sind zu vernehmen: das ständige Pfeifen des Windes und das Grollen des Meeres.