Tierwelt - Nr. 6 - 10. Februar 2006

Der Tanz des Mandschurenkranichs

Mit Ausnahme von Südamerika und der Antarktis besiedeln die Kraniche alle Erdteile. Diese stattlichen Vögel üben seit jeher eine grosse Faszination auf die Menschen aus. Dies zeigt u. a. die Tatsache, dass sie in Afrika, Europa und Australien in Höhlenmalereien verewigt wurden und im Fernen Osten bei Künstlern ein beliebtes Motiv sind.

In Japan wird der Kranich als Tancho (Vogel mit gutem Omen) bezeichnet und von der Bevölkerung sehr verehrt. Er gilt als ein Symbol für ein langes Leben, und in der Tat hat er eine Lebenserwartung von über 70 Jahren. Seit 1952 ist der Tancho der Nationalvogel Japans; auf der japanischen 1000-Yen-Note beispielsweise sind tanzende Mandschurenkraniche abgebildet. Wohl weil Kraniche ihr Leben lang ein und denselben Partner haben, sind sie auch der Inbegriff für das Eheglück, und ihr Bild verziert daher oft den Hochzeitskimono.

Von den fünfzehn Kranicharten, die unseren Globus besiedeln, kommt der Mandschurenkranich, der in Ostasien beheimatet ist, neben dem am stärksten vom Aussterben bedrohten nordamerikanischen Schreikranich am zweitseltensten vor. Es gibt im Wesentlichen zwei Hauptpopulationen: Die eine brütet im nordöstlichen China und dem angrenzenden Russland sowie in der Mongolei. Als Zugvögel verbringen diese Mandschurenkraniche den Winter im östlichen China sowie in Nord- und Südkorea. Die andere Population lebt auf der Insel Hokkaido. Sie besteht ausschliesslich aus Standvögeln, die das ganze Jahr im Brutgebiet bleiben.

Tanz in der Schneelandschaft

In der tief verschneiten Landschaft von Hokkaido, der Nordinsel von Japan, wo eine standorttreue Population des Mandschurenkranichs existiert, die auch die harten Wintermonate übersteht, findet alljährlich ein besonderes tänzerisches Spektakel statt. Auf einmal wird die winterliche Stille durch immer lauter werdende, anhaltende trompetenartige Rufe aus östlicher Richtung unterbrochen. Hinter einem sanften, schneebedeckten Hügel taucht ein Zug von Kranichen am Horizont auf – ähnlich einer sanft gleitenden Perlenschnur. Der Ruf ist offensichtlich eine Hilfe, die Schar auf ihren Wanderungen zusammenzuhalten. Im so genannten Ruderflug, bei dem die Flügel abwechslungsweise auf- und abbewegt werden, kommen die Vögel rasch näher, gehen dann in den Gleitflug über und setzen schliesslich zur Landung an. Zu diesem Zweck stellen die 160 cm grossen Tiere ihre ansehnlichen, schneeweissen Handschwingen in den Wind und beginnen, noch bevor sie festen Boden unter den Füssen haben, mit ihren langen, im Flug den Schwanz weit überragenden Beinen zu rennen. Nach einem kurzen Bremsmanöver landen sie zielsicher im Schnee.
Stolz stehen die Kraniche nun auf ihren filigran wirkenden Beinen. Dem himmelwärts gerichteten Schnabel entweicht eine Kondensfahne, trompetenartige Töne werden in die klirrende Kälte ausgestossen. Ihr elegant anmutender Körper ist schneeweiss, die Unterflügel und die Halspartie dagegen sind schwarz gefärbt. Die nackte, rote Haut am Hinterkopf leuchtet in der winterlichen Landschaft wie eine Laterne.

Mitten aus der soeben gelandeten Gruppe springt plötzliche einer der Kraniche mit ausgestreckten Beinen und offenen Handschwingen bolzengerade in die Luft. Der Tanz der Kraniche beginnt. Der Partner, der diesen Luftsprung neugierig beobachtet hat, erwidert die Tanzaufforderung mit einem eleganten Kopfnicken. Wie zwei Segel breiten sie ihre weiss-schwarzen Flügel, die einen Durchmesser von über zwei Metern aufweisen, aus. Sie springen in die Höhe, drehen Pirouetten und machen lange, aufeinander abgestimmte Verbeugungen. Fängt der eine oder andere Kranich erst einmal an zu tanzen, dann lässt sich meistens die ganze Gruppe davon anstecken.

Jungvögel üben das Ritual

Dicht hinter dem Tanzpaar pickt ein Jungvogel mit ausgebreiteten Schwingen nach einem Hölzchen. Plötzlich lässt er es fallen. Sogleich springt er ausser sich vor Erregung in die Luft und schnappt mit gesenktem Kopf nach dem entglittenen Hölzchen. Ist das der Hölzchentanz? Angesteckt durch dieses Verhalten liest ein anderes Jungtier mit seinem spitzen Schnabel ein Schneekorn auf und lässt es nach einem kurzen Sprint und einem imposanten Luftsprung wieder aus dem Schnabel gleiten.

Inzwischen versammeln sich immer mehr Kraniche. Tanzende Vögel tauchen auf, vollführen ihre spektakulären Luftsprünge und verschwinden wieder in der Menge. Allmählich wird die verschneite Ebene zu einer einzigen Tanzfläche. Das Spektakel gewinnt durch den fein rieselnden Schnee und den aufkommenden Nebel noch an Faszination.

Wieso haben Kraniche den Drang zu tanzen? Der Tanz gehört zu ihrem Balzritual und dient sicher auch der Festigung der zeitlebens bestehenden Paarbindung sowie der gegenseitigen Kommunikation. Beobachtet man den Tanz, so bekommt man jedoch bald den Eindruck, dass er auch Ausdruck purer Freude und Lebensenergie ist – zumal sich Alt- und Jungtiere auch ausserhalb der Balzzeit an den ausgelassenen Tänzen beteiligen. In der Regel sind sogar die Jungen die begeistertsten Tänzer von allen. Aus welchen Gründen die Kraniche auch immer tanzen mögen, es ist die reinste Freude, ihnen zuzusehen.
Mandschurenkraniche sind mit drei bis vier Jahren geschlechtsreif. Männchen und Weibchen können aufgrund ihrer unterschiedlichen Lautäusserungen auseinander gehalten werden. Beide, Männchen und Weibchen, sind jeweils zwischen April und Mai am Nestbau beteiligt. Die Nester werden im toten Schilf auf feuchtem Untergrund oder im flachen Wasser (Wassertiefe bis 40 cm) angelegt. Das Weibchen legt in der Regel zwei Eier. Das erste – und damit ältere – Küken schlüpft meist zwei Tage vor dem zweiten; es zieht somit die ganze Aufmerksamkeit der Eltern auf sich und verdrängt den Nachzügler.

Durch Verlust der Lebensräume bedroht

Werden die Kraniche immer weitertanzen? Der Mandschurenkranich gilt nach der so genannten Roten Liste der ICUN als gefährdet (ICUN steht für „International Union for Conservation of Nature and Natural Resources“). Nur noch rund 2 200 Kraniche leben in freier Natur. Mandschurenkraniche sind durch Habitatsverlust (Ausbreitung der Landwirtschaft, Kanalisation der Flüsse, Entwaldung und Strassenbau) und durch den Bau von Hochspannungsleitungen bedroht. Öffentliche und private Naturschutzorganisationen unternehmen grosse Anstrengungen, um das Überleben dieser Vögel zu sichern. Viele bedeutende Rastgebiete auf dem asiatischen Festland sind bereits unter Schutz gestellt. Die Kushiro-Sümpfe im östlichen Teil von Hokkaido unterliegen der Ramsar-Konvention (Rahmenprogramm zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung von Feuchtgebieten internationaler Bedeutung). Ungefähr 800 Mandschurenkraniche leben heute in europäischen, amerikanischen und chinesischen Zoos. Diese Vogelart wird regelmässig gezüchtet, und es werden Wiederansiedlungsprogramme durchgeführt. Die erste erfolgreiche Gefangenschaftsaufzucht geht auf das Jahr 1861 zurück.

Wegen ihres wunderschönen Gefieders wurden die Mandschurenkraniche zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Japan fast ausgerottet. Im besonders kalten Winter von 1952 gab es auf Hokkaido nur noch 33 Exemplare. Schulkinder und Bauern fingen an, Maiskörner auf die Schneeflächen zu streuen, damit die Kraniche überleben konnten. Seit jenem Winter wird auf dieser Insel regelmässig Winterfütterung betrieben. Dank dieser Massnahme ist der Bestand wieder auf über 800 Tiere angewachsen; dies entspricht einem Drittel des Weltbestandes.
Die tief stehende Sonne durchdringt den Nebel. Immer mehr Kraniche sammeln sich zum Abflug. Nun verlassen auch die letzten Tänzer, die inzwischen lange Schatten werfen, die Tanzfläche. Mit trompetenartigen Lauten, die mit zunehmender Entfernung allmählich verstummen, fliegen sie – wiederum ähnlich einer Perlenschnur – der untergehenden Sonne entgegen. Die Kraniche werden sich inmitten eines nahe gelegen Flusses zur Ruhe setzen; dort wähnen sie sich in Sicherheit. Zurück bleibt eine leere, verlassene Landschaft. Nur noch die Trittsiegel im Schnee zeugen vom tänzerischen Geschehen.
Mit der aufgehenden Sonne am nächsten Morgen wird die verschneite Ebene wiederum Schauplatz von den abwechslungsreichen Tänzen der Mandschurenkraniche sein. Vielleicht erklärt gerade diese aussergewöhnliche Tanzlust der Kraniche, warum sie es den Menschen so angetan haben.