Franz Josef Land, Interview 2011

„Ohne Eis keine Eisbären“

Franz Josef Land, die nördlichste Inselgruppe der Welt, gilt als Eisbären-Paradies. Der Schweizer Meeresbiologe Dr. Ruedi Abbühl, erfahren in beiden Polarregionen, ist kürzlich an Bord des russischen Eisbrechers „Kapitan Dranitsyn“ von dem Archipel zurückgekehrt. Mit schönen Erinnerungen und grosser Besorgnis. Denn die Zukunft des „Königs der Arktis“ ist in Gefahr.

Welches ist Ihre eindrücklichste Erinnerung an die Reise ins Reich der Eisbären?Es ist eine Begegnung, die mich tief berührt und auch traurig gestimmt hat – ein Bild mit starker Symbolkraft: Noch bevor Franz Josef Land in Sicht kam, trieb eine Eisscholle an unserem Schiff vorbei, auf der eine Eisbärenmutter ihre beiden Jungtiere säugte. Die Scholle, kaum grösser als zwei Tischtennistische, muss überraschend abgebrochen sein und ist zur Falle für ihre unfreiwilligen Passagiere geworden. Sie trieb südwärts – vom Land weg, in den Einflussbereich des warmen Golfstromes, wo sie rasch schmelzen wird.

Das tönt wie ein Todesurteil für die Tiere …

Wenn nicht überraschend eine gegenläufige Strömung die Scholle zurückträgt, wird das Muttertier irgendwann einen Entscheid fällen – und mit den Kleinen ihre Eisscholle verlassen müssen. Für die Bärin habe ich wenig Bedenken; ausgewachsene Eisbären können bis zu 160 Kilometer weit schwimmen. Aber die Kleinen haben kaum eine Chance – sie werden ertrinken.

Hatten Sie noch andere Begegnungen mit Eisbären?

Erstaunlich viele sogar. Wenn man die Situation als Momentaufnahme beurteilt, erleben die Eisbären in diesem Jahr eine gute Saison: Nach einem ausserordentlich kalten Winter waren die Sunde, Kanäle und Buchten vor allem im Nordosten des Archipels auch Ende Juli mehrheitlich noch immer zugefroren. Das ist für die Eisbären überlebenswichtig: Ende letzten Jahres haben die Bärinnen in ihren Bruthöhlen Junge geworfen, jetzt ist die Zeit reif, um auf dem Meereis Robben zu erbeuten und den Nachwuchs durchzufüttern.

So wurde das Glück der Bären auch für die Touristen zum Glücksfall …

Und wie! Praktisch jeden Tag hatten die Passagiere auf dem Eisbrecher Besuch von wandernden Eisbären. Die Tiere haben während ihrer Streifzüge die Witterung des Schiffes aufgenommen, das zwei Tage lang im Eis lag. Und weil sie in diesem Gebiet noch nie bejagt worden sind, zeigen sie keine Scheu und kommen nah ans Schiff heran. Das macht diesen Zauber von Franz Josef Land aus: Hier leben Tiere, die mit Menschen keine schlechten Erfahrungen gemacht haben. Für mich ist Franz Josef Land das Galapagos des Nordens; deshalb sollte man es auch – wie das Tierparadies im Pazifischen Ozean – zum Weltnaturerbe erklären, mit sanftem Tourismus fördern und mit rigorosen Schutzmassnahmen erhalten.

So viel zur Momentaufnahme. Wie aber geht es den Eisbären auf längere Sicht?

Obwohl wir viel Eis gesehen haben, ist auch dieser Sommer wieder viel zu warm gewesen. Wenn nördlich des 80. Breitengrades die Durchschnittstemperatur deutlich über dem Gefrierpunkt liegt, schmilzt den Bären buchstäblich der Boden unter den Füssen weg. Die Klimaveränderung schreitet dramatisch voran; Jahr für Jahr stellen wir immer grössere Schwankungen fest – die Extreme häufen sich, einem besonders kalten Winter folgt ein besonders warmer Sommer. Das wirkt sich nicht nur auf die Flächenverteilung aus, sondern auch auf die Mächtigkeit des Eises – es wird immer dünner.

Und es kann die schweren Tiere nicht mehr tragen.

Genau. Wobei die Eisbären immer leichter werden, weil sie im Eis, das später wächst und früher schmilzt, immer weniger Robben erbeuten können. Das Durchschnittsgewicht eines männlichen Eisbären ist um 50 Kilo auf 600 Kilo zurückgegangen. Nur die Tatzengrösse ist unverändert geblieben; so kann das grösste Landraubtier der Welt – mit einer mittleren „Schuhgrösse“ von 62 – sein Gewicht besser auf das dünner werdende Eis verteilen. Vermehrt setzt der Eisbär auch sein scharfes Gehör ein: Wenn er mit den Tatzen aufs Eis klopft, hört er sofort, ob das Eis ihn tragen kann.

Haben die Eisbären überhaupt noch eine Zukunft?

Vieles spricht dagegen, aber auch einiges dafür. Dagegen spricht der unaufhaltsame Schmelzprozess des Eispanzers im Polarmeer – das Eis schwindet in zehn Jahren um zehn Prozent, der Rückzug des Eisgürtels nach Norden betrug in den letzten sieben Jahren 500 Kilometer. Man muss damit rechnen, dass in zehn bis zwanzig Jahren das Nordpolarmeer weitgehend eisfrei ist. Und das ist dann das Ende des Eisbären.

Auf der anderen Seite des Globus, in der Antarktis, herrschen ähnliche klimatische Bedingungen wie im Norden. Zwar schmilzt das Eis auch dort, aber darunter ist kein Wasser. Deshalb schlagen Witzbolde bereits vor, die Eisbären in einer Art „Arche-Noah-Rettungsaktion“ an den Südpol umzusiedeln.

Ich denke, dass vor allem die Pinguine gar keine Freude hätten an dieser Idee! Eine solche Aktion wäre ein dermassen massiver Eingriff in die Natur, dass ich sie als Biologe nicht ernst nehmen kann.

Aber sie geben die Hoffnung nicht auf …

Nein – Bären sind grundsätzlich sehr anpassungsfähig. Seit der Eisbär vor 33 Jahren unter Schutz gestellt worden ist, hat sich der Bestand weltweit auf rund 25 000 Tiere verdoppelt, jeder fünfte Eisbär lebt heute auf Spitzbergen und Franz Josef Land. Das Problem liegt auf dem Meer zwischen diesen Inselgruppen, das den Bären in der kurzen Zeit, in der es vereist und begehbar ist, als Jagdrevier dient. Nach der Paarung ziehen sich die Weibchen im November und Dezember aufs Festland zurück, um ihre Bruthöhlen aufzusuchen. Je früher im Jahr das Eis schmilzt und je später es wieder wächst, desto schwieriger wird es für die Bärin, rechtzeitig ihre Höhle zu finden.

Und was spricht nun für die Zukunft des Eisbären?

Die Vergangenheit. Vor 150 000 Jahren hat sich der Grizzly-Bär nach Norden ausgebreitet – er hat sich den Umständen angepasst, ein weisses Fell bekommen – und ist zum Eisbären mutiert. Bereits werden Eisbären beobachtet, die sich mit Braunbären mischen und fruchtbare Nachkommen zeugen. Wenn es kein Eis mehr gibt, wird es auch keine Eisbären mehr geben. Sie kehren dorthin zurück, wo sie hergekommen sind – aufs Land.

Daniel Schüz