Tierwelt - Nr. 22 - 30. Mai 2003

Schwarzbrauen-Albatrosse auf den Falkland Inseln [1.725 KB]

Der Albatros - ein faszinierender ozeanischer Sturmvogel - zeichnet sich durch seine ausgeprägte Individualität, sein differenziertes Verhalten, seine ausgedehnte Kindheitsphase sowie seine hohe Lebenserwartung aus. Fast der gesamte Weltbestand des Schwarzbrauen-Albatros - etwa 550 000 Paare - brütet auf den Falklandinseln. Falkland liegt im Südatlantik zwischen dem 51. und 53. südlichen Breitengrad und ist 600 Kilometer von Feuerland (Tierra del Fuego) entfernt. Diese kaum bevölkerte Inselgruppe bietet für See-Elefanten, Seelöwen und Seebären sowie für fünf Pinguinarten und diverse Meeresvögel, unter anderem auch für den Schwarzbrauen-Albatros, ideale Brut- und Nistplätze.

Gelähmte Pinguine

Auf Saunders Island, einer nordwestlich gelegenen Insel, geniesst man eine einzigartige Sicht auf den Südatlantik und kann ausgedehnte Kolonien von Esels-, Magellan- und Königspinguinen beobachten. Bei meinem dritten Besuch innerhalb von drei Jahren stellte ich im Januar 2003 einen massiven Populationseinbruch bei den Esels- und Magellanpinguinen fest. Die befallenen Tiere torkelten wie Betrunkene am Strand herum, zeigten teilweise Lähmungserscheinungen und fanden nicht mehr zu ihrem Nest. Auf New Island haben von 6000 Eselspinguinen offenbar nur zwei überlebt.
Hauptverantwortlich sind möglicherweise mikroskopisch kleine, giftige Algen («red tide»), die Lähmungserscheinungen mit Todesfolge hervorrufen können.
An den gegen den Westwind exponierten Abhängen brüten einmal jährlich ausgedehnte Kolonien der Schwarzbrauen-Albatrosse. Die Kolonien, die ich seit drei Jahren besuche, sind bisher von der tödlichen Alge verschont geblieben.

Brut im Südsommer

Der Monat Januar, der Monat meines Aufenthaltes, ist die Zeit des Brutgeschäftes. Vier Monate vorher, im September, baut der Albatros ein bis zu 50 Zentimeter hohes Nest. Um den Nestkegel zu errichten, dreht sich der Altvogel an Ort und Stelle und macht mit seinem Schnabel lehmige Erdmasse am Nest fest. Zur Verankerung werden Gräser mitsamt den Wurzeln darin eingeflochten. Während eines früheren Aufenthaltes beobachtete ich die Nistarbeiten erst nach heftigen Regenfällen, da der Untergrund zur Bearbeitung aufgeweicht sein muss. Das Bauen des Nestkegels ist eine Gemeinschaftsarbeit des Brutpaares. In diesen Kegel wird ein einzelnes Ei gelegt und von den monogam lebenden Vögeln ausgebrütet. Die Inkubationszeit beträgt 68 bis 73 Tage. Das noch hilflose Junge, ein Nesthocker, durchlebt eine ausgedehnte Babyphase. Erst nach 145 bis 167 Tagen wird es flügge. Ich beobachte ein direkt vor mir in seinem Nest sitzendes flauschiges Jungtier. Seine Körperform ist birnenförmig, und sein etwas struppiges, hellgraues Daunengefieder bewegt sich im Wind. Meine Nähe veranlasst das Jungtier, mit dem schwärzlichen Schnabel zu klappern; dasselbe tun darauf auch die anderen Nestlinge.

Schwierige Landemanöver

Während ich den Jungvogel betrachte, saust ein Albatros im Tiefflug über meinen Kopf hinweg. Mit hoher Geschwindigkeit dreht er Richtung Meer ab und fliegt auf einer elliptischen Bahn wieder auf mich zu. Um die Geschwindigkeit zu verlangsamen, stellt er seine Schwanzfedern auf und fährt seine Flossenfüsse wie ein Bugfahrwerk aus. Nach einem missglückten Landeversuch schmiegt er seine Füsse wieder an den Körper, steigt, gegen den Wind, auf, fliegt im Sinkflug parallel zur Küstenlinie, gewinnt an Geschwindigkeit und kommt in einer elliptischen Bahn wieder auf mich zu. Das Schauspiel der Probelandungen wiederholt sich noch einige Male, bis ihm eine akzeptable Landung glückt. Vor mir steht ein wunderschöner Vogel. Majestätisch faltet er seine schnittigen, 2,4 Meter langen Flügel, ordnet und putzt kurz sein Gefieder und watschelt zum Nest. Das Junge bettelt nicht um Futter, sondern verhält sich ruhig und scheint die wiedergewonnene Geborgenheit zu geniessen. Der Altvogel streichelt das flauschige Jungtier zärtlich mit dem Schnabel und säubert es. Erst danach wird das Jungtier mit einer öligen Flüssigkeit gefüttert.

Enge Beziehungen

Das Austauschen von Zärtlichkeiten nimmt im Leben jedes Albatros einen hohen Stellenwert ein - sowohl in der Mutter-Kind-Beziehung als auch in den Paarbindungen auf Lebzeiten. Ich erlebe, wie sich zwei Albatrosse der gleichen Kolonie nach einem kurzen Begrüssungsritual abwechslungsweise in ihrem Halsgefieder kraulen; der die Zärtlichkeiten empfangende Partner schliesst jeweils genüsslich die Augen. Wie haben sie sich wohl kennen gelernt? Ein kurzer Blick auf das Leben eines Albatros gibt Antwort auf diese Frage.

Rationelle Flugtechnik

Im April, also erst rund 150 Tage nach dem Schlüpfen, wird das Jungtier flügge, und es beginnen seine Wanderjahre auf hoher See. Die jungen Albatrosse halten sich zwischen dem 35. und 68. südlichen Breitengrad auf, wo sie reiche Nahrungsgründe vorfinden. Ihre bevorzugte Nahrung sind Krill (tierisches Plankton), Tintenfische sowie Kadaver von verendeten marinen Säugetieren. Um sich überhaupt in der Luft halten zu können, benötigen sie eine Windgeschwindigkeit von mindestens 60 Kilometern in der Stunde. Die notwendigen Informationen über die aktuelle Geschwindigkeit erhalten sie in erster Linie über die mechanische Beanspruchung der Deckfedern der Flügel sowie der Brustfedern. Zudem dient das Familienmerkmal der Albatrosse, Sturmvögel und Sturmtaucher, die Röhrennase, als Staudruckmesser. Einmal in der Luft, kann sich der Albatros ohne einen Flügelschlag mit einem so genannten dynamischen Segelflug fortbewegen. Der konstant blasende Wind - die Westwinddrift - wird unmittelbar über dem Meer wegen der reibenden Wirkung abgebremst. Diese physikalische Eigenart macht sich der Albatros zu Nutze, indem er mit dem Wind abwärts gleitet. Er gewinnt nicht nur durch den Fall an Geschwindigkeit, sondern auch durch die um ihn herum verlangsamte Luft. Dicht über dem Wellenkamm kurvt er mit hoher Geschwindigkeit gegen den Wind, gewinnt an Höhe und kurvt mit dem Wind wieder abwärts (sinusförmige Kurven). Mit Hilfe dieser Flugtechnik kann der Albatros in einem Jahr eine Flugstrecke von 40 000 Kilometern zurücklegen.

Hohes Lebensalter

Nach ihrer ausgedehnten - zwei bis fünf Jahre dauernden - ozeanischen Phase kehren die Albatrosse zu ihrer Brutstätte zurück und gehen auf Partnersuche. Das unerfahrene Jungtier vollführt einen anfänglich noch unkontrolliert wirkenden Verhaltenstanz und begibt sich von einem Partner zum nächsten. In den darauf folgenden Jahren nimmt die Zahl der Partner, mit denen es kommuniziert, ab. Schliesslich sprechen nur noch zwei «die gleiche Sprache»; sie bilden ein Paar. Die gemeinsame Sprache dieses Paares unterscheidet sich von allen anderen. Zwischen dem 8. und dem 13. Lebensjahr sind die Schwarzbrauen-Albatrosse geschlechtsreif.
Albatrosse haben eine sehr lange Lebensdauer; beringte Tiere erreichten nachweislich ein Alter von 60 Jahren, und beim Königsalbatros geht man von einer Lebensdauer von 70 Jahren und mehr aus. Ein Junges wird in seinem Leben vielen Gefahren ausgesetzt sein. Nach dem ersten Abheben muss es unter Umständen bereits Angriffe von Riesensturmvögeln abwehren. Diese drücken die Albatrosjungen gekonnt auf die Wasseroberfläche, und für die unerfahrenen Jungtiere, deren Flugmuskulatur noch sehr schwach ist, gibt es kein Entkommen. Deshalb brechen die meisten Jungtiere erst nach Einbruch der Dunkelheit zu ihrem Jungfernflug auf.
Auch für Raubmöwen, Seelöwen und Seeleoparden sind die Jungtiere eine fette Beute. Die Sterblichkeitsrate der Albatrosse ist während ihrer ersten Jahre auf hoher See hoch, nimmt aber mit zunehmendem Alter der Tiere stark ab.

Fischerei als Gefahr

Eine grosse Gefahr für den Albatros und andere Seevögel geht von der so genannten Fischerei an langen Leinen aus. Um Thunfische und Schwarze Seehechte zu fangen, werden heute 100 Kilometer lange Leinen mit etwa 3000 Haken ausgeworfen. Die Haken treiben etwas unterhalb der Wasseroberfläche und wirken auf Albatrosse sehr attraktiv. Beobachtungen zeigen, dass pro tausend Haken bis zu fünf Albatrosse getötet werden. Japan zum Beispiel fischt mit 8 bis 32 Millionen Haken pro Jahr. Um solche Unfälle zu verhindern, sollten die Haken nur während der Nacht ausgeworfen werden und mit Gewichten versehen sein, damit sie rascher absinken.
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Die Sonne steht bereits tief am Horizont, und es ist mittlerweile ziemlich kühl. Das Jungtier hat sich - nach einer ausgiebigen öligen Mahlzeit - unter das wärmende Gefieder verkrochen. Aus der sicheren Geborgenheit betrachten mich hoffnungsvoll zwei kugelrunde Augen. Das Schicksal dieses und der anderen Jungtiere liegt auch in den Händen einer verantwortungsbewussten Menschheit.

Dr. phil. nat. Ruedi Abbühl
Tierwelt, Nr. 22, 2003